Saisonrückblick 2016/2017

Österreichs enttäuschendes Abschneiden bei der Europameisterschaft, der Abstieg „meiner“ SV Ried und eine mit „nur“ einem Titel maximal durchschnittliche Saison des FC Barcelona. Man könnte meinen, ich hätte genug von der Fußballsaison 2016/17, zumal sie ja für mich ziemlich schief gelaufen ist. Und doch bot mir diese Spielzeit wohl mehr Highlights als die Jahre zuvor.

 

22. Juni 2016, 18:00: Paris: Hoffnung kommt, Hoffnung geht

Die EM in Frankreich hätte für mein Heimatland nicht schlechter beginnen können: Bereits in der 1.

Minute knallt David Alaba den Ball aus über 20 Metern an die Stange, alle auf der Fanmeile fühlten sich, in ihrer seit mehreren Wochen andauernden, Euphorie bestätigt: „Wir können heuer Europameister werden!“, zumal die Gruppe ja nicht sonderlich stark war. Zumindest war das der Grundtenor im Land.

Nun spielte Österreich also gegen Ungarn, und bereits nach einer Minute hätte es 1:0 stehen können, tat es aber nicht. Viel zu oft dachte ich darüber nach, und wahrscheinlich nicht nur ich, wie weit es bei

diesem Turnier gehen hätte können, wäre der Ball damals um 18:01 in Bordeaux nur 5 cm weiter nach links gegangen, tat er aber nicht. Die erste Halbzeit war dann ein munteres Hin und Her: „Na gut, ein 5:0 wird’s nicht. Aber gewinnen tun wir ́s sicher.“ Bis zur 60. Minute sah es damit nicht so schlecht aus, dann geschahen aber Ereignisse, die der österreichischen Mannschaft, im Nachhinein gesehen, wohl das Turnier kosteten. Zuerst humpelte Mittelfeldmotor Zlatko Junuzovic vom Feld, dann schoss Adam Szalai das 0:1 und nur zwei Minuten später wurde Aleksandar Dragovic des Feldes verwiesen. Das Spiel endete mit 0:2.

 

Vor dem anschließenden Duell gegen Portugal wich die Euphorie dann der Angst. Es musste ein Unentschieden her, um im letzten Gruppenspiel noch eine Chance auf das Weiterkommen zu haben. Portugal drückte, Österreich konterte, doch dank Elfmeterkiller Robert Almer endete das Spiel 0:0. Nun also der Showdown gegen Island: „Gwinn ma locker, wir san Österreich!“

 

Da stand ich also in der Pariser U-Bahn bei gefühlten 45°C, umringt von den in blau gekleideten Wikingern aus Island. Zum ersten Mal konnte ich das Gefühl einer Europameisterschaft erleben: Ein großes Fußballfest, bei dem die Menschen aus verschiedensten Nationen den Sport an sich (überwiegend) ohne Gewalt feiern. Und doch machte sich schön langsam eine gewisse Anspannung und Rivalität bemerkbar. Das Spiel musste gewonnen werden, und zumindest wir Österreicher hatten daran keinen Zweifel. So gut war die Qualifikation gelaufen, da sollten doch die, zugegeben sehr stark spielenden, Isländer kein Stolperstein sein.

 

 

 

Inmitten von 30.000 österreichischen Fans freute ich mich also auf den Anpfiff, mit der Hoffnung, 90 Minuten später den Aufstieg ins Achtelfinale feiern zu dürfen. Doch schon nach zwei Minuten ließen uns die Isländer das erste Mal verstummen, glücklicherweise fand das Spielgerät jedoch nur den Weg auf das Lattenkreuz. Kurze Zeit später hatte Marko Arnautovic die Chance auf den so wichtigen Führungstreffer, konnte den Ball jedoch nicht unter Kontrolle bringen. Und so war es die bekannte Waffe der Isländer, die uns fürs erste die Hoffnung nahm. Ein weiter Einwurf, Kopfballverlängerung und am Ende das Tor. Tja,Fußballnation Österreich...

 

Und dann kam sie doch wieder, die Hoffnung auf das Weiterkommen. Der etatmäßige Elferschütze Alaba wurde im Strafraum gezogen, Aleksandar Dragovic trat zum Strafstoß an. Verschossen, logisch...

Österreich drückte, hatte Chancen, der eingewechselte Alessandro Schöpf traf. Hoffnung, Ekstase, Stimmung im roten Block in Saint Denis. Noch nie in meiner Fankarriere erlebte ich solch einen Lärm wie in den folgenden Minuten. Alle glaubten wieder an den Sieg, und wurden enttäuscht. Der nach der EM zum SK Rapid Wien wechselnde Traustason schloss einen Konter zum 2:1 ab, und die Hoffnung war dahin.

 

 

8. März 2017, 20:45: Barcelona bzw. meine Couch: Bachelor für eine Nacht

In München, Madrid und Barcelona gilt das inoffizielle Gebot, das eine Saison nur mit dem Gewinn der

Champions League zur sehr guten Saison wird. Geltungsgierige Sponsoren und Vereinsvorstände sowie unzählige Erfolgsfans erwarten die Krone Europas, ganz egal was sonst im Club passiert. Der FC

Barcelona hatte die Gruppe mit nur einer Niederlage souverän gemeistert, im Achtelfinale war nun Paris Saint Germain der Gegner. Das Hinspiel im Prinzenparkstadion war eine Katastrophe. Angeführt von den überragenden Di Maria und Draxler, kombinierten sich die Franzosen zu vier tollen Toren, während die Barca-Offensive keinen Ball im Tor von Kevin Trapp unterbrachte.

Es musste also ein Fußballwunder im Camp Nou her, und an das glaubten viele, ich ehrlicherweise nicht. Wer mit einer oder mehreren Dame(n) im Haushalt lebt, weiß vermutlich, wie schwer es ist, sich gegen den Bachelor durchzusetzen, noch dazu das Finale. Aber spätestens nach dem frühen Führungstreffer durch Luis Suárez gab es keinen Zweifel mehr am Fernsehprogramm für diesen Abend. Die Katalonier drückten, doch es musste wohl ein zweiter Treffer her, um einerseits die Chancen auf ein gelungenes Comeback aufrecht zu erhalten, und andererseits, um den weiblichen Protesten entgegen wirken zu können. Das Tor schoss zwar ein Franzose, das aber ins richtige Tor, und so fehlten noch zwei Treffer in den letzten 45 Minuten dieses Achtelfinales.

 

 

 

Es sollte gut weitergehen: Neymar wurde im Strafraum glücklich gefoult, Lionel Messi verwandelte souverän. In der 62. Minute dann der Schock, schon wieder diese verflixte 62. Minute. Edinson Cavani knallte den Ball unter die Latte, es mussten drei Tore her. Na toll, dann eben Bachelor. Wer wohl die letzte Rose bekommt? Werbung, muss doch das Alternativprogramm aus Spanien herhalten. 85. Minute, immer noch 3:1. 88. Minute, Freistoß für Barcelona. Kommt wohl zu spät, denkste. Neymar zirkelte den Ball ins Kreuzeck, der Glaube war zurück, zumindest ein kleines bisschen.

 

Zwei Tore fehlten immer noch und länger als 7-8 Minuten würde es sicher nicht mehr gehen. Deniz Aytekin brachte die Hoffnung dann endgültig wieder zurück: Luis Suárez fiel nach minimaler Berührung, Neymar schnürte den Doppelpack. 5 Minuten Nachspielzeit, Blaugrana rannte an, Paris verteidigte.

 

Dann der letzte Freistoß der Partie, auch Ter-Stegen war vorne mit dabei. Cavani konnte klären, Kataloniens Lieblingsbrasilianer brachte den Ball jedoch erneut in den Strafraum. Sergi Roberto im Rücken der Abwehr. Sprung. Volley. Tor. Sprint durchs Wohnzimmer, unglaublich, Wahnsinn, Fußball. Ja es war Glück dabei und in der nächsten Runde war sowieso gegen Juventus Schluss. Trotzdem: Meine letzte Rose geht an Sergi Roberto.

 

 

28. Mai 2017, 16:30: Ried im Innkreis: Wie hätte es anders sein können?

Die SV Ried stand am Ende einer völlig misslungenen Saison. Der langjährige Manager Stefan Reiter wurde vom Präsidium unwürdig abgesägt, durch den unerfahrenen Ex-Spieler Fränky Schiemer ersetzt, der dann Coach Christian Benbennek gemeinsam mit der Führungsetage ebenso unprofessionell entließ.

Fast alle wichtigen Spiele gegen direkte Konkurrenten wurden verloren, und trotzdem konnte man im letzten Spiel noch den Klassenerhalt schaffen. Die Rieder spielten zu Hause gegen Mattersburg, die in der Winterpause noch Letzter waren, im Frühjahr aber frühzeitig den Verbleib in der Bundesliga fixierten.

 

 

Es musste ein Sieg her, um die zwei Punkte vor Ried liegenden St. Pöltner noch zu überholen, die wegen der besseren Tordifferenz beim SK Rapid verlieren mussten.

 

Die Euphorie vor der entscheidenden Partie war riesig, es war klar, dass das Stadion nach mehreren Jahren wieder ausverkauft sein würde. Alle erwarteten, dass die Mannschaft alles geben würde und das Spiel gewinnen würde. Nicht so sicher waren wir uns da in Wien, wo Rapid ebenfalls am Ende einer äußerst bescheidenen Spielzeit stand, wenige Tage später aber das Pokalfinale zu bestreiten hatte und darum im letzten Saisonspiel mit einer B-Elf auflief.

 

 

 

Schon in den ersten Minuten merkten wir, dass unsere Mannschaft durch die großartige Stimmung eher gelähmt war. Die frühe Verletzung des zwar meistens recht unscheinbaren, aber immens wichtigen Florian Hart machte das nicht gerade besser. Noch während er an der Outlinie behandelt wurde, was die Verteidigung zu einer kurzfristigen Umorientierung zwang, erzielte Mattersburg das erste Tor. Es hätte nicht zu dieser Saison gepasst, wenn man dieses Spiel locker und unkompliziert gewonnen hätte.

 

Trotzdem fehlten nur zwei Tore, denn auch St. Pölten war schon in Rückstand. Schon in Minute 20 erhöhten die Burgenländer auf 0:2, und es war wohl eher das Nicht-Wahrhaben-Wollen, das die immer noch vorhandene Hoffnung im Stadion begründete. Das 1:2 nach der Pause gab sowohl Fans als auch Spielern den Glauben, den Klassenerhalt noch schaffen zu können. Als Mattersburg abermals die Führung ausbaute, war dieser aber dahin. Es folgten Ausschreitungen mit Pyrotechnik am Platz und blutige Auseinandersetzungen unter den Fans. Das unrühmliche Ende einer Saison, die wohl anders nicht hätte enden können.

 

 

Weitere Highlights:

Bayern München - Borussia Dortmund

Ein tolles DFB-Pokal Halbfinale, das ich aus der Südkurve mitverfolgte und welches mich mit der Hoffnung zurückließ, Ousmane Dembélé bald im Barcelona-Trikot sehen zu können.

 

Real Madrid - FC Barcelona

Ein unglaublich spannendes El Clásico in Madrid, in dem der beste Spieler der Welt am Ende das Estadio Santiago Bernabéu verstummen ließ.

 

SKN St.Pölten - SV Ried

Ein extrem wichtiges Spiel inklusive toller Auswärtskulisse, das aber natürlich unglücklich, mit vergebenem Elfmeter, verloren wurde.

 

Ein Bericht von Johannes Hauser