Groundhopping in Udine: Udinese Calcio

Die Koffer gepackt, von den Eltern auf dem Rücksitz festgeschnallt und in praller Sonne, ohne Klimaanlage auf dem Weg nach Italien, inklusive langer Staus und genervten Familienangehörigen. Urlaubserlebnisse aus der Kindheit. So oder zumindest so ähnlich liefen bei uns viele Familienurlaube in der Kindheit ab. Die Fahrt von Graz an die obere Adria war für mich meist der pure Horror.

 

In Italien selbst waren diese Mühen dann glücklicherweise wie verflogen, hatte ich doch den Strand, das Meer und meinen Fußball, den ich im Garten des jährlich gemieteten Apartments durch die Gegend kickte. Bekleidet mit einem jährlich neu gekauften Trikot irgendeiner Fußballmannschaft. Über die Jahre kickte ich in meinem Kopf als Totti, Del Piero, Beckham oder auch Toldo (der in dieser namhaften Riege etwas aus der Reihe sticht) durch Italiens Wiesen. Mein persönlicher Bezug zum italienischen Fußball begann daher früh und so ganz verflog diese Begeisterung nie, auch wenn der Calcio, wie er in Italien heißt, viel von seinem früheren Glanz verlor.

 

Auf dem Weg von Graz an die obere Adria kamen wir immer an Udine vorbei. Ich kannte die Stadt vom Namen her, aber vor allem durch den Verein Udinese Calcio. Ein sympathischer Klub, mit dem ich mich aber bisher nie näher beschäftigte. Nachdem ich am Ende dieser Saison nach meinen Besuchen in Mailand, Bergamo und Turin noch auf der Suche nach einer kleinen "Abschlussreise" war, bot sich ein Besuch bei Udineses letztem Heimspiel gegen Sampdoria Genua an.

 

Die Organisation der Reise

Die größte Hürde bei vielen Fußballreisen stellen die Tickets dar. Gerade bei großen Vereinen in England oder Deutschland ist der Ticketkauf ein Ding der Unmöglichkeit, möchte man keine Unsummen auf Ticketbörsen ausgeben. In Italien ist die Situation glücklicherweise (oder leider?) anders. Wir haben, wie bereits bei unseren Italien-Trips Anfang des Jahres, beinahe täglich auf die Seite listicket.com gesehen und bei Verakufsstart sofort zugeschlagen. Bei den meisten Klubs, mit Ausnahme von Juventus Turin, bekommt man immer Tickets, da die Stadien wirklich nur in den seltensten Fällen ausverkauft sind.

 

Die Reise ans Meer

Da Udine selbst eine Kleinstadt mit nur 100.000 Einwohnern ist, haben wir uns dafür entschieden die Stadt vor dem Spiel in ein paar Stunden zu besichtigen und das komplette Wochenende am Meer zu verbringen.

 

Am Freitag ging es für uns mittags von Graz nach Grado, einer der netteren Städte an der oberen Adria-Küste. Gerade wenn man nicht unbedingt auf Shopping oder Party aus ist und auch gerne durch eine kleine Altstadt flaniert, empfehlen wir hier Grado oder Caorle.

 

Den verregneten Samstag verbrachten wir in der großen Outlet-Stadt "Palmanova". Auch für Fußballfans nicht uninteressant, gerade gegen Ende der Saison bekommt man hier viele Schnäppchen. So haben wir originale Trikots von  Manchester United, AC Milan, Real Madrid, Juventus Turin oder weiteren Topklubs um € 25,-- bis € 30,-- gefunden. Ich selbst wurde dann bei einem originale Premiere-League-Ball schwach, den ich um € 14,-- erstehen konnte. Eine kleine Motivation wieder öfter selbst "Fuß anzulegen" und etwas mehr Sport zu machen, statt immer nur anderen Menschen dabei zuzusehen.

 

Die Stadt Udine

Nach dem Check-Out im Hotel ging es um circa 9 Uhr für uns von Grado nach Udine. Circa 50 Minuten brauchten wir mit dem Auto in die Kleinstadt, wo wir nahe der Innenstadt parken konnten. Sonntags kann man in der gesamten Stadt übrigens gratis parken! Solltet ihr Udine nicht sonntags besuchen, raten wir euch ein paar Straßen außerhalb der Innenstadt zu parken. Zentrale Parkplätze kosten circa € 1,50 pro Stunde, während man zwei Straßen weiter nur noch € 0,60 pro Stunde bezahlt. Hier zahlt es sich also aus, etwas weiter zu Fuß zu gehen.

 

 

Udine hat ein schönes Stadtzentrum, bei dem die wichtigsten Sehenswürdigkeiten nur wenige Gehminuten voneinander entfernt sind. Ideal also für einen kurzen Abstecher vor oder nach einem Spielbesuch.

 

Wir spazierten über den "Piazza della Libertá" auf das "Castello", das auf einem schönen Hügel liegt. Dort gönnten wir uns erstmal einen Cappuccino und genossen die Atmosphäre bei sommerlichen 27 Grad. Danach ging es für uns zu einem kleinen Flohmarkt am Fuße des Hügels, auf dem ich, leider vergebens, nach alten Fußballartikeln gesucht habe. Noch ein kleines "gelato" und schon ging es für uns knapp zwei Stunden vor Ankick retour zum Auto.

 

Das Stadion - "Stadio Friuli", mittlerweile "Dacia Arena"

Das Stadio Friuli vor dem Umbau | Bild: (c) René C. Nielsen (flickr)
Das Stadio Friuli vor dem Umbau | Bild: (c) René C. Nielsen (flickr)

Das bereits im Jahr 1976 erbaute "Stadio Friuli" bot ursprünglich 41.000 Besuchern Platz. Im Jahr 2005 musste das Stadion modernisiert werden, weil sich Udinese Calcio für die Champions League qualifizierte. Dabei reduzierte sich das Fassungsvermögen auf knapp über 30.000 Plätze. Das Stadion bestand aus einer großen Haupttribüne mit einem gebogenen Dach und weiteren Tribünen, die durch eine Laufbahn vom Fußballfeld getrennt waren. Auch war die Haupttribüne die einzig überdachte Tribüne.

Im Jahr 2010 entstanden Pläne zur Modernisierung des Stadions, wobei die große Haupttribüne erhalten blieb, alle anderen Teile des Stadions, inklusive der Leichtathletikanlage aber abgerissen wurden. Das "Stadio Friuli" wurde also zu einem reinen Fußballstadion, das optisch durch die gebogene Haupttribüne viel Charme besitzt und nun knapp 25.000 Besuchern Platz bietet.

 

Anfang des Jahres 2016 wurde bekannt, dass der rumänische Autohersteller und Hauptsponsor "Dacia" sich die Namensrechte des Stadions sicherte.

 

Die Stimmung

Im Vorfeld erfuhren wir durch eine Groundhopping-Gruppe auf Facebook, dass die Udinese-Ultras sich angeblich in einem Streik befinden. Das wäre irrsinnig schade gewesen, stellte sich jedoch glücklicherweise als falsch heraus.

 

 

Bei dem Spiel selbst ging es für beide Mannschaften um beinahe nichts mehr. Weit entfernt vom europäischen Geschäft, aber auch nicht mehr in akuter Abstiegsgefahr, schien die Partie ziemlich bedeutungslos.


Dennoch war die Stimmung und der Support der Udinese Ultras stark, deren Fangesänge auch regelmäßig von den anderen Tribünen übernommen wurden. Knapp 23.000 Besucher, davon geschätzt 300 Gäste, sorgten für eine tolle Stimmung bei bestem Wetter.

Das Spiel

Was war das für eine unerwartet heiße Partie? Udinese ging früh mit 1:0 in Führung, was für beste Stimmung unter den Anhängern sorgte.

 

Udinese drängte darauf die Führung auszubauen und dominierte die Partie, während Sampdoria nur einmal durch einen schönen Distanzsschuss gefährlich wurde.

 

 

Die zweite Halbzeit wurde dann jedoch hitzig. Eine rote Karte für Udinese, später ein Elfmeter für Sampdoria, den ausgerechnet der ehemalige Udinese-Spieler Muriel verwandelte. Provokant lief er zur Haupttribüne um dort vor den Udinese-Fans zu jubeln. Kurz darauf eskalierte die Situation. Rudelbildung und Chaos pur, zwei weitere rote Karten. Udinese also mit zwei Mann, Sampdoria mit einem Mann weniger auf dem Platz.


Sampdoria versuchte die zahlenmäßige Überlegenheit zu nutzen und die Partie zu gewinnen, Udinese verteidigte diszipliniert und motiviert und so endete die spannende Partie mit 1:1.

 

Fazit

Der Trip nach Udine war ein voller Erfolg. Zum einen machte die Stadt wirklich einen netten, ersten Eindruck, zum anderen war auch der Besuch des Spiels einfach genial. Das Stadion hat mir persönlich extrem gut gefallen. Schön, dass die große Haupttribüne mit dem markanten Dachbogen beibehalten wurde und "nur" das restliche Stadion neu gebaut wurde. Ein schlichtes, aber wirklich schickes Fußballstadion, das man sich unbedingt ansehen sollte!

 

Die Stimmung der Ultras war wirklich stark, vor allem wenn man bedenkt, dass es für Udinese in dieser Partie um nichts mehr ging und auch der Gegner kein Rivale war. Das macht auf jeden Fall Lust auf mehr. Durch die geografische Nähe von Graz nach Udine (circa 3 bis 3,5 Stunden Fahrt), wird das wohl nicht der letzte Besuch gewesen sein.

 

Ein Bericht von Philipp Bukowsky

Vlog (Videotagebuch) zur Fußballreise:


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