SC Bastia - Groundhopping Korsika

Corse, l’île de beauté. Strand, Meer, Berge, Flüsse - vieles kommt einem in den Sinn, wenn man sich die Insel der Schönheit vor Augen hält. Aber Fußball? Ja, Fußball! Auf der Insel, auf der jeder Versuch einer Eröffnung eines McDonald’s wortwörtlich in die Luft gesprengt wird, bringt in Korsikas Fußballhauptstadt Bastia ein jeder Treffer des dort angesiedelten Sportclubs das Stade Armand Cesari zum Explodieren.

 

 

Der 1905 in der nordöstlich angesiedelten Hafenstadt gegründete Verein spielt seit 2012 zum dritten Mal in der langen Klubgeschichte erstklassig und beendete die Saison 2015/16 der Ligue 1 auf dem komfortablen zehnten Rang. Korsikas zweiter Vertreter, Aufsteiger und Hauptstadtklub GFC Ajaccio, musste nach nur einem Jahr als Vorletzter wieder den Gang in die zweite Klasse antreten.

 

 

Der SV Grödig Frankrei… - sorry, Korsikas wird der französischen Liga aber so wenig abgehen wie den stolzen Korsen der McDonald’s. Mit lediglich 6.000 Plätzen war das Stade Ange Casanova der absolute Exot der Liga, dass der Titel „mickrigstes Stadion der Liga“ nicht direkt an das, aufgrund der Positionierung in Bastias Randgemeinde Furiani auch Stade Furiani genannt wird, mit doch immerhin über 16.000 Plätzen weitergegeben wurde, liegt nur am Aufstieg des Dijon FCO (15.000).

 

 

Es braucht aber nicht einmal die vollen 16.000. Auch 7.500 Fußballfanatiker reichen aus, um auf Bastias Straßen einen ausgewachsenen Stau auszulösen. Ähnlich wie in Favoriten ist der gemeine Stadionbesucher die Personifikation des Esels, dem die Karotte vor die Nase gespannt wurde. Auch, wenn man das Stadion schon vor Augen hat, hat man erst eine Stunde später seinen Parkplatz. Der Gegner an diesem lauen Herbstabend heißt aber Toulouse FC, auf den Ajaccio vor einigen Monaten nur drei Punkte und etwas mehr Tore auf den rettenden 17. Rang gefehlt haben - gegen PSG muss man sich wohl schon zu Mittag einen Parkplatz suchen.

 

 

Da wundert es nicht, dass einige ihre Autos bereits auf den Randsteinen der Schnellstraße, die das Stadtzentrum mit dem Stadion verbindet, abstellen. Ein „Voiture Corse“ ist dafür essentiell - hoher Boden und extremer Abnützungsgrad, sodass weitere Kratzer am Wagen ob der bereits vorhandenen Dellen und Einschusslöcher nicht auffällt. Endlich einen Parkplatz ergattert und den Unterboden zum Krachen gebracht, geht es zu Fuß weiter Richtung Stadion. Die Tickets wurden schon am Nachmittag bei der vor dem Stadion angesiedelten „Biglietteria“ erworben, 15 € muss man als ausgewachsener Afficionado für einen Platz auf der „Tribune Est“ hinblättern, zum Sitzen gibt es in den Vereinsfarben angestrichenen, kühlen Beton. Will man einen besseren Überblick auf das Spielgeschehen, muss man 10 € mehr einplanen - dafür gibt es Sitzschalen auf der Längsseite.

 

 

Neben dem Ticketverkauf befindet sich der Fanshop, ordentlich überwacht von einem Security-Beauftragten findet man hier alles, was das korsische Fußballherz begehrt. Zwar gibt es auf der ganzen Insel Fanartikel des SC Bastia (sogar in Ajaccio überwiegt die Anzahl der Bastia-Trikots), direkt vor dem Stadion hat man dann aber die Qual der Wahl. Der Autor entscheidet sich für das edle 3. Trikot der Equipe, in das dunkelblaue Dress mit goldenem Aufdruck sind die 69 € gut investiert. Am Kragen steht in goldenen Lettern „Uniti Vinceremu“ - korsisch für „Gemeinsam werden wir gewinnen“. Es sollte sich bewahrheiten. 

 

 

Beim Stadion angekommen, folgt die keineswegs übertriebene Sicherheitskontrolle, anschließend wird noch Vorrat für das Spiel in Form von Getränken, Pommes und dem auf der Mittelmeerinsel so begehrten „Panini“ eingekauft. Während die Damen und Herren die Köstlichkeiten zubereiten ertönt vom Stadioninneren schon die kräftige Stimme des Stadionsprechers. Die Gäste aus Toulouse werden kulant auf Französisch angekündigt, die Blau-Weißen aus Bastia auf tiefstem Korsisch.

 

Es ist 19:50, der Autor und seine Begleitung machen sich auf den Weg in das Stadioninnere. Auf den Schultern Jojo Petrignanis bietet sich dann ein grandioser Anblick auf ein Stadion mit einzigartigem Flair. Zu beiden Seiten erheben sich die leuchtenden Betonriesen Claude Papi und Victor Lorenzi, mit Flutlichtreihen ausgestatteten Tribünen, benannt nach verstorbenen Persönlichkeiten, welche den Verein prägten. Blickt man geradeaus, sieht man die Sonne über Pierre Cahuzac untergehen. Ein Erlebnis, in dessen Genuss auch schon ein gewisser GAK gekommen ist. Im Jahre 1997 gewannen die Athletiker in der Gruppenphase gegen den späteren Sieger des UEFA Intertoto Cups auswärts mit 2:1.

 

 

Das Spiel läuft an, die Menge tobt. Bastia hat in Hälfte eins das Spiel in der Hand und geht verdient mit 1:0 in Führung. Jubel brandet auf, nachdem Sadio Diallo aus fünf Metern einnetzt. Die Sonne ist inzwischen gänzlich verschwunden, die Lichter eines Bergdorfes leuchten nun hinter Monsieur Cahuzac, wie wenn Glühwürmchen um seinen Kopf schwirrten. Die korsische Mentalität ist deutlich hörbar, bei jeder gelungenen Aktion wird heftig applaudiert, die Gegner mit Schimpfwörtern beworfen. Ansonsten ist es aber recht ruhig in Bastias Schmuckkästchen, Fangesänge, wie sie in Deutschland und Österreich üblich sind, sind Mangelware. Manchmal trauen sich eine Handvoll leicht angeheiterte Anhänger ein Liedchen anzustimmen, länger als eine halbe Minute ist aber schon Ausnahmezustand. Vom Festland haben sage und schreibe fünf narrische Gästefans den Sprung auf die Insel gewagt.

 

 

 

Es ist Halbzeit, es ist noch immer warm und die Jungs der Gastgeber bekommen vom Publikum anerkennenden Applaus. Die Pommes weg, das Panini aufgeputzt und die Becher leer, erwarten wir die zweite Halbzeit. Das Spiel sollte eine leichte Wendung bekommen, die Gäste werden stärker und das Spiel ruppiger. Gelbe Karten werden verteilt und die in Pink-Grau spielenden Franzosen kommen durch einen Fehler im Spielaufbau zum Ausgleich. Pascal Dupraz, Trainer bei Toulouse, ist über den Treffer seines Schützlings Daniel Braithwaite so erregt, dass er in einer darauffolgenden Aktion einen ins Aus fliegenden Ball volley übernimmt und in die Zuschauerränge befördert. Das Heimpublikum ist über diesen Vorfall so amüsiert, dass sie den Schiedsrichter sogar auspfeifen, als dieser dem Coach damit droht, auf Claude Papis Schoß Platz zu nehmen.

 

 

Alles deutet auf ein Remis in dieser vierten Runde der Ligue 1 hin, bis den Insulanern zehn Minuten vor Schluss ein Freistoß aus guter Position zugesprochen wird. Der Schwede Pierre Bengtsson, seines Zeichens linker Verteidiger, fackelt nicht lange, pustet den Ball ab und befördert den ins Kreuzeck. Das Stadion bebt wieder für kurze Zeit, die Gesänge halten sogar über eine Minute lang an und als nach einer hektischen Schlussphase der Sieg über die Zeit gerettet wird ist die Freude über den zwischenzeitlichen achten Rang groß.

 

 

Das wars, wir verlassen das Stadion gemeinsam mit über 7.000 gut gelaunten Korsen und machen uns auf dem Weg zum Auto. Korsischer Gesang begleitet uns, wir werfen einen letzten Blick auf die vier stolzen Herren. Friedlich gehen mit der Zeit ihre Lichter aus, zufrieden mit ihrem Verein schlafen sie ein. Für uns ist der Schlaf noch kein Thema, eine zweistündige Autofahrt nach Calvi in den Westen steht noch bevor. Davon, dass wir auf den Weg dorthin von einem der vermutlich drei funktionierenden Radarkasten auf Korsika geblitzt werden und von der Polizei angehalten werden, wissen wir noch nichts. Österreicher werden aber angeblich nicht abgestraft, heißt es. Wir werden sehen.

 

Ein Bericht von Gastautor Christian Albrecht.