Groundhopping in Kuba

Na, woran denkt Ihr spontan, wenn es um Kuba geht? Klar: Rum, Zigarren, Che, Fidel, Sonne, Strand und Salsa. Aber Fußball? Nicht wirklich, oder? Als meine Frau und ich uns entschieden, die mittelamerikanische Insel zu bereisen, war der Besuch eines Matches dort aber von Anfang an ein wichtiger Bestandteil unserer Planungen, da es eben nicht ganz so einfach ist, dort in den Genuss unseres geliebten Sports zu kommen.

 

Wie aber kommt man an Informationen über Mannschaften, an Spielpläne oder gar Anstoßzeiten? In einem Land, in dem das Internet noch immer nur recht wenigen Leuten vorenthalten ist und in dem der nationale Fußball eine absolute Randsportart ist, ist die Beschaffung dieser Infos wirklich schwer. Der Seite der FIFA konnte ich zumindest den Rahmenspielplan entnehmen, privat betriebene Seiten zum kubanischen Fußball waren meist alles andere als aktuell, widersprachen sich hinsichtlich der Terminierungen und auch die Nachfrage bei den Seitenbetreibern und beim kubanischen Verband brachten nicht das gewünschte Ergebnis.

 

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Bild: (c) Stefan Fietzek

Mehr oder weniger planlos, aber mit viel Hoffnung fliegen wir also via Amsterdam und Panama nach Havanna, kommen um 2.30 Uhr nachts (nach zwei Stunden Wartezeit aufs Gepäck und einer weiteren aufs Taxi – in diesem Fall ein stinkender Lada) in unserer Unterkunft an und fallen todmüde ins Bett. Wenige Stunden später sind wir wieder wach, treten auf den Balkon und genießen vom achten Stock aus den Blick über die Altstadt und das Meer. Schon eine komplett andere Welt und eine Reise in eine Zeit, die ich gar nicht kenne.

 

Recht viel Zeit haben wir aber nicht, denn nun müssen wir erst mal Geld wechseln und schauen, wie wir aus dem Zentrum zum Estadio Pedro Marrero kommen, da das zu Fuß doch etwas zu weit entfernt ist. Natürlich haben wir noch immer keine Ahnung, wann überhaupt Anpfiff ist, die komplette Familie unserer Hostelbetreiberin wird zur Recherche eingespannt, wir telefonieren mit irgendjemand im Stadion, aber Licht ins Dunkel kommt leider kein bisschen. Egal, wir fahren einfach mal mittags hin und schauen dann, was passiert.

 

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Bild: (c) Stefan Fietzek

Eine halbe Stunde später haben wir kubanisches Geld in der Hand, wobei man differenzieren muss, denn hier gibt es zwei Währungen: der CUP ist das Geld der Einheimischen, der CUC das der Touristen, wobei Letzteres das 25-fache des CUP wert ist. Schon blöd, wenn man als Staat zwei Währungen einführt, um den Sozialismus zu fördern, damit aber das genaue Gegenteil bewirkt, da die Bevölkerung natürlich an CUCs kommen will, um sich auch Luxusgüter leisten zu können. Wir hingegen versuchen, möglichst schnell

auch CUPs in den Geldbeutel zu bekommen, da man damit eben auch Angebote für Einheimische wahrnehmen kann, sei es an Imbissständen, in Geschäften oder bei städtischen Taxis. So zahlen wir statt umgerechnet 5 Euro nur ca. 40 Cent für die Fahrt im 50er Jahre-Chevrolet, stehen um 12 Uhr vor dem Stadion und siehe da: die Türen sind offen. Wir spazieren also rein, von Fußball aber keine Spur. Ein im Schatten sitzender Rentner klärt uns auf, dass das Spiel erst um 16 Uhr angepfiffen wird, aber das ist mir ganz recht und so nutze ich das Training der Nachwuchsleichtathleten und die dafür geöffneten Tore, um mich in den Innenraum zu begeben.

 

 

Das laute Schreien von der Tribüne, als ich die Laufbahn betrete, gilt eindeutig mir, doch ich ignoriere es, drehe seelenruhig eine Runde, mache Fotos, stehe unter der Gegentribüne plötzlich vor einem FIFA-Büro und bin gerade auf dem Weg, die Anzeigetafel zu erklimmen, als mir meine Frau von der Tribüne aus zu verstehen gibt, ich solle nun doch besser wieder zurückkehren. Gesagt, getan und dort angekommen werde ichaufgeklärt, dass es nicht erlaubt sei, ohne staatliche Genehmigung Fotos zu machen und wofür diese überhaupt seien. Da meine Frau Dolmetscherin für Spanisch ist, fällt es uns relativ leicht, die ältere Dame, die eben noch komplett außer sich war, davon zu überzeugen, dass ich „nur“ Groundhopper bin und keinerlei kommerzielles oder politisches Interesse verfolge. Am Ende haben wir uns also alle wieder lieb, wir müssen aber trotzdem nochmal raus und nachher Eintritt zahlen, um das Spiel sehen zu dürfen. Das ist für uns dann doch ein wenig überraschend, da ein Freund von mir ziemlich genau ein Jahr vorher auch dort zu Besuch war und der Besuch des Ligaspiels gratis war.

 

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Bild: (c) Stefan Fietzek

 

Nun gilt es also erstmal, Zeit zu überbrücken und da der Ground fernab jeglicher Sehenswürdigkeiten liegt, fällt dies ziemlich schwer, zumal uns die Hitze zu schaffen macht und man ja auch nicht schon mittags mit dem Saufen anfangen kann. Nach einer kleinen Stärkung und dem Erwerb ein paar einheimischer Biere (Bucanero oder Cristal), sowie kubanischer Cola, geht es also um 15 Uhr wieder Richtung Stadion, die Karte kostet den Wahnsinnspreis von 1 CUP (das sind umgerechnet ca. 4 Cent) und dafür gibt es sogar ein Ticket und etwas, das entfernt an eine Stadionzeitung erinnert. Traum! Das Mitbringen von Essen und Getränken gehört übrigens scheinbar dazu, auch wenn es im Stadion zumindest Knabberzeug und so ein pappiges Malzgetränk zu kaufen gibt, während man Fanartikel (erwartungsgemäß) vergebens sucht.

 

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Bild: (c) Stefan Fietzek

 

Der Kubaner im Deutschland-Trikot vor uns macht ein paar Erinnerungsfotos und dann geht es auch schon los. Der Platz ist katastrophal, der Rasen viel zu lang und viel zu trocken und trotzdem entwickelt sich in der ersten Hälfte ein recht munterer Kick, der mich positiv überrascht. Nichtsdestotrotz kommt das Niveau nicht über die deutsche Oberliga hinaus, das Heimteam La Habana verpasst es jedoch, den Gästen aus Camagüey schon vor der Pause das ein oder andere Tor einzuschenken. Apropos: anders als bei uns gibt es auf Kuba keine Vereine im herkömmlichen Sinne. Stattdessen stellt jede Provinz ein Team und die besten zehn Teams spielen in Hin- und Rückrunde um den Titel. Bei unserer Partie empfängt der Tabellenführer eine Mannschaft aus der unteren Tabellenhälfte und man erkennt den Klassenunterschied über weite Strecken auch deutlich.

 

Nach dem Seitenwechsel hält Camagüey besser mit, doch just als die Gäste das Match offen gestalten, schlägt La Habana zu und geht in Führung. Der Jubel fällt eher spärlich aus, aber was will man bei 250 Zuschauern in einem 30.000-Mann- Stadion auch erwarten?

 

 

Die Gastgeber bestimmen nun wieder das Geschehen, lassen fahrlässig das 2:0 liegen und kassieren im Gegenzug den doch überraschenden Ausgleich. Und siehe da: Stimmung! Ich glaube ja nicht, dass die Ansammlung der 50 Jubelnden tatsächlich extra aus Camagüey angereist ist, aber plötzlich ist Leben in der (Bruch-)Bude und als die Gäste kurz vor Schluss den Spielverlauf noch komplett auf den Kopf stellen und das 1:2 erzielen, erkennt man wahre Begeisterung. Was für ein riesiger Spaß, was für ein tolles Erlebnis, was für ein genial geiler Ground! Bei uns würde das Ding wahrscheinlich als Lost Ground á la Union Solingen rumstehen, auf Kuba ist es das Nationalstadion, wo Länderspiele ausgetragen werden (z. B. der 2:1-Sieg über die Bermudas im März). Legendär!

 

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Bild: (c) Stefan Fietzek

Meister wurde am Ende der Saison übrigens Villa Clara dank der um ein Tor besseren Tordifferenz gegenüber Guantánamo. Und La Habana? Die haben es doch tatsächlich geschafft, die Meisterschaft am letzten Spieltag daheim durch ein 0:0 gegen Santiago de Cuba zu vergeigen und mit einem Punkt Rückstand nur Dritter zu werden. Bitter.

 

 

Alles in allem kann ich jedem nur den Besuch eines Matches auf Kuba ans Herz legen. Mit Fußball wie wir ihn kennen hat das in vielerlei Hinsicht wenig zu tun, aber gerade das macht die Sache so angenehm, so herzlich, so erfrischend, so exotisch und so liebenswert. Geht offen auf die Menschen zu und werdet dafür mit ganz viel Enthusiasmus und Freude belohnt. Auf der ganzen Insel sieht man Kinder und Erwachsene in Fußball-Trikots (Barcelona, Real, Manchester United, Milan…), überall wird auf den Straßen gekickt, in Havanna gibt es eine coole Sportsbar mit massenhaft Shirts und Flaggen (v.a. Athletic Bilbao), im TV werden die europäischen Top-Ligen live und kostenlos übertragen und sogar in den Restaurants ist der Fußball präsent – wundert Euch also nicht, wenn Ihr Euer Abendessen auf Real Madrid-Geschirr serviert bekommt und das dann mit dem passenden Besteck zu Euch nehmendürft…

 

Ein Bericht von Stefan Fietzek

Noch einige Bilder zum Groundhopping in Kuba:

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Bild: (c) Stefan Fietzek
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Bild: (c) Stefan Fietzek
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Bild: (c) Stefan Fietzek
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Bild: (c) Stefan Fietzek
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Bild: (c) Stefan Fietzek
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Bild: (c) Stefan Fietzek
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Bild: (c) Stefan Fietzek

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