Olympique Marseille - Der Verein als Spiegel der Gesellschaft

„Aux Armes! Aux armes!“ („Zu den Waffen!“) hallt es durch das Stade Vèlodrome in Marseille. Der Wechselgesang zwischen den beiden Kurven ist ein Klassiker. Die berüchtigte Südkurve, die Virage Sud, mit den wahrscheinlich emotionalsten Fans ganz Frankreichs, hat schon viel mitgemacht. Sie waren ganz oben beim Champions League-Sieg, aber auch beim darauffolgenden Abstieg dabei. Jetzt steht Olympique Marseille vor dem Verkauf. Eigentümerin Margarete Louis-Dreyfus, Witwe des verstorbenen Robert Louis-Dreyfus, will den Verein für rund 200 Millionen Euro verkaufen. Nicht nur hinter den Kulissen herrscht Unruhe, sondern auch auf dem Platz. Die Saison 2015/16 ist eine zum Vergessen, der Traditionsverein kämpft gegen den Abstieg und die Fans in der „Virage Sud“ sind bitter enttäuscht.

 

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Die Südkurve im Stade Vélodrome vor dem Umbau des Stadions. Bild: Fred | © flickr 

Geschichte

Schriftsteller Jean-Claude Izzo schrieb über die Stadt Marseille: „Für Europa sind wir noch immer die erste Stadt der Dritten Welt.“ Es stimmt – ein Schmelztiegel der Kulturen, manche Stadtteile wirken als wären sie von der Gesellschaft vergessen worden. Die afrikanischen Großstädte Tunis und Algier stehen Marseille wahrscheinlich näher als das ohnehin unbeliebte Paris. Mittendrin ist Olympique Marseille und vereint die Menschen der Stadt. Doch auch der Verein hatte über die Jahre mit Problemen zu kämpfen, die er sich teilweise selbst geschaffen hat. Marseille ist eine der Städte mit der höchsten Kriminalitätsrate in Westeuropa. Vor allem die organisierte Kriminalität mit mafiaaähnlichen Strukturen machten der Stadt und damit auch dem Verein lange Probleme. Begonnen hatte alles 1899, als René Dufaure de Montmiral den Verein Olympique Marseille, kurz l’OM genannt, gründete. Nach seinem Militärdienst in Nordafrika kehrte er nach Frankreich zurück und ging beruflich nach England, wo er zum ersten Mal in Kontakt mit Fußball kam. Der Verein feierte in den 20er und 30er Jahren große Erfolge, aber einen richtigen Ligabetrieb gab es zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

 

Eine erste professionelle Liga wurde in Frankreich 1932 gegründet. OM gehört zu den 20 Gründungsmitgliedern dieser Divison 1. Den ersten Titel holten die Südfranzosen dann 1937, bevor aufgrund des 2. Weltkrieges der Spielbetrieb eingestellt wurde. Der zweite Meistertitel gelang 1948, doch danach ging es bergab, was 1959 mit dem Abstieg in die zweite Liga endete. Nachdem sich OM 1966 wieder in der ersten Liga etabliert hatte, begann unter Präsident Marcel Leclerc eine erfolgreiche Periode. Ab 1969 holte Marseille zwei Meisterschaften und gewann einmal den Pokal. International scheiterte der Verein allerdings immer recht früh. Die wichtigsten Spieler dieser Zeit waren der Brasilianer Jarzinho und der Jugoslaw Josip Skoblar, der 1971 mit 44 Toren den Goldenen Schuh für den erfolgreichsten Torjäger Europas gewann. Der Verein fiel in den folgenden Jahren wieder ins Tabellenmittelfeld zurück, als 1985 Bernard Tapie das Präsidentenamt übernahm.

 

Steiler Aufstieg

Bernard Tapie ist ein Name, der in Marseille inzwischen berühmt und berüchtigt ist. Der geborene Pariser, schon aufgrund dieser Tatsache hat man es in Marseille nicht leicht, war ein erfolgreicher Unternehmer. Er kaufte mit seinem Unternehmen insolvente Firmen auf und sanierte diese erfolgreich. Die Anteile an den sanierten Firmen blieben bei Tapie und so wurde seine Firma zu einem Milliardenunternehmen (fünf Milliarden Franc jährlicher Gewinn in den 1990er Jahren). Das bekannteste Unternehmen, an dem Tapie Anteile hatte, war Adidas.

 

Viel Geld floss seit der Übernahme des Präsidentenamtes bei Marseille. International bekannte Spieler, wie Karlheinz Förster, Klaus Allofs, Rudi Völler, Jean Tigana und Jean-Pierre Papin schnürten ihre Schuhe für OM. Die Erfolge blieben nicht aus, ab 1989 wurde der Verein viermal in Folge französischer Meister. Auch international konnten die Südfranzosen in den Kreis der ganz Großen vorstoßen. 1990 scheiterte OM erst im Halbfinale des Europapokals, 1991 ging es sogar bis ins Finale, welches aber im Elfmeterschießen verloren ging. 1993 gelang durch das legendäre Tor von Basile Boli der große Wurf und Olympique Marseille gewann die neu geschaffene Champions League. Der AC Mailand wurde im Finale von München mit 1:0 bezwungen. Ganz Marseille feierte den Erfolg und fühlte sich angekommen unter den internationalen Topclubs. Doch der Jubel sollte schnell verstummen und das hat mit der Person Bernard Tapie zu tun.

 

Ende Tapies und Absturz des Vereins

In der Saison, die mit dem Champions League-Sieg in München enden sollte, musste Marseille am drittletzten Spieltag zum abstiegsgefährdeten FC Valenciennes reisen. OM hatte zu diesem Zeitpunkt vier Punkte Vorsprung auf den Tabellenzweiten. Da dieses wichtige Spiel sechs Tage vor dem Champions League-Finale stattfinden sollte, beantragte OM die Verlegung des Spiels auf einen späteren Termin. Der französische Verband lehnte diese Anfrage ab. Nun begann der Vorgang, der heute „die OM-VA Affäre“ genannt wird. Auf Anweisung von Sportdirektor Jean-Pierre Bernès telefonierte OM-Mittelfeldspieler Eydelie mit drei Spielern von Valenciennes, die er gut kannte. Jeder von ihnen sollte 250.000 Franc erhalten, wenn sie dafür sorgen, dass Marseille das Spiel nicht verliert. In einem Hotel in Valenciennes wurde das Geld in bar an eine Spielerfrau übergeben. Das Spiel gewann OM mit 1:0, doch bereits in der Halbzeit hatte einer der Valenciennes-Spieler seinem Trainer die Bestechung gebeichtet. Der Schiedsrichter und auch die Journalisten wurden darüber in Kenntnis gesetzt. Das Spiel wurde vom französischen Verband annulliert und die Meisterschaft, die OM am Ende gewann, wurde dem Verein aberkannt.

 

Das eigentlich Fatale war allerdings, dass im Laufe der Ermittlungen die Konten von OM-Verantwortlichen durchsucht wurden. Unter anderem auch von Bernard Tapie, der für die Vereinsbilanzen zuständig und bis März 1993 ein Teil der französischen Regierung war. Die Behörden entdeckten Summen bis zu 160 Millionen Euro, die als Ausgaben verbucht wurden, aber nicht belegt ist, wohin das Geld geflossen ist. Tapie wurde wegen Betrugs, Unterschlagung und Bestechung angeklagt. Zudem hatte er versucht Valenciennes-Trainer Primorac bei der Verhandlung wegen des Bestechungsskandals mit einer hohen Summe zu einer Falschaussage zu bewegen. Olympique Marseille wurde in der Saison 1994/1995 in die Ligue 2 strafversetzt und aus der Champions League ausgeschlossen. Bernard Tapie wurde zu zwei Jahren Haft und einer Geldstrafe verurteilt. Außerdem durfte er drei Jahre lang keine Funktionen im Sport ausüben. Auch OM’s Sportdirektor Brenès, der beteiligte OM-Spieler Eydelie und die beiden nicht geständigen Valeniennes-Spieler Burruchaga und Robert, sowie dessen Frau wurden zu Haftstrafen auf Bewährung und Geldstrafen verurteilt.

 

Bernard Tapie war im Jahr 1994 außerdem in den Adidas-Skandal verwickelt, in dem er seine Anteile am Unternehmen an seine Bank verkaufte. Diese verkaufte die Anteile zurück an Adidas-Vorstandsmitglied Robert Louis-Dreyfus, welcher inzwischen Tapies Nachfolger als Präsident bei Marseille geworden ist. Daraufhin klagte Tapie gegen seine Bank. Es folgten Gerichtsverfahren bis 2013 und die Verwicklung der Wirtschaftsministerin Christine Lagarde. Zeitweise ging es um Summen bis zu 403 Millionen Euro. Im Juni 2013 wurde Tapie wegen „bandenartig organisiertem Betrug“ erneut angeklagt.

 

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Mannschaftsfoto von Olympique Marseille Saison 2014/15 Bild: Ronnie Macdonald | © flickr

Rivalität mit Paris

Es ist ungewöhnlich, dass ein Spiel zwischen zwei Teams, die geographisch rund 800 km trennen, als Derby bezeichnet wird. Die Rivalität zwischen Marseille und Paris ist kompliziert und hat viel mit der französischen Gesellschaft zu tun. Paris ist die Hauptstadt, die Stadt auf die alle Autobahnen sternförmig zulaufen, die Machtzentrale und der französische Wirtschaftsstandort für jedes große Unternehmen. Auf der anderen Seite Marseille, ein gesellschaftlicher Schmelztiegel, Metropole für Einwanderer aus Afrika und von Kriminalität gezeichnet. Natürlich ist auch in Paris nicht alles Gold, was glänzt, in den Banlieus vor der Stadt gibt es ebenso Armut und Kriminalität und das auch nicht zu knapp. Marseille ist auch eine Sonnenstadt mit Strand und Meer. Auch die Politik spielt eine Rolle, Paris ist das Paradebeispiel für französischen Zentralismus und Nationalstolz. Auf andere Städte wird gerne etwas hinabgeblickt. Marseille fühlt sich von der großen französischen Politik vergessen und mit seinen Problemen im Stich gelassen. All diese Faktoren übertragen sich auf die Vereine der beiden Städte und gelangen damit auch in die Stadien. Dass Paris St. Germain inzwischen von einem Geldsegen aus Katar profitiert, hat den Verein in Frankreich nicht beliebter gemacht.

 

Die Rivalität der beiden Clubs ist noch nicht alt, denn sie begann Ende der 80er Jahre. Damals war ein gewisser Herr Deniso Präsident von PSG und gleichzeitig Besitzer eines großen TV-Senders. Deniso war ein sehr medienfreudiger Mann und suchte sich schnell ein öffentliches Feindbild. Natürlich war hier niemand besser geeignet als der Verein aus Marseille, der die Liga dominierte und mit Tapie einen sehr exzentrischen Präsidenten hatte. Natürlich ging Tapie auf die Provokationen Denisos aus Paris ein und es kam zu jahrelangen Medienschlachten. Das Medieninteresse an beiden Clubs stieg enorm und daher lohnte es sich auch finanziell diese Rivalität auszuschlachten. Die Ultra Gruppen „Commando Virage Sud“ aus Marseille und „Boulogne Boys 85“ aus Paris taten bei den Spielen ihr Übriges, um die Rivalität zu zementieren.

 

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Szene aus „le Classique“ zwischen OM und PSG Bild: Philippe Agnifili | © flickr

Kriminalität und Geschichten aus Fankreisen

Marseille ohne Kriminalität gibt es nicht, wie man am Fall Bernard Tapie sieht, ist auch der Verein davor nicht geschützt. Dabei ist die Stadt ein beliebtes Reiseziel für Touristen. In manchen Stadtvierteln sollten sich die Reiselustigen aber lieber nicht aufhalten. Als eine Hochburg der Kriminalität gilt das Viertel ‚La Castellane‘, in dem übrigens ein gewisser Zinedine Zidane aufgewachsen ist. Das soziale Gefälle zwischen arm und reich ist in Frankreich nirgendwo größer als in Marseille. Bandenkriege und Drogenhandel sind in manchen Teilen der Stadt normal. Natürlich bleibt bei einer solchen Umgebung auch der Verein nicht unberührt. Unvergessen sind Geschichten, wenn Spieler das Trainingsgelände im Kofferraum eines Autos verlassen...

 

Ein viel erzählte Legende ist der Fall der Familie Deruda. Sohn Thomas spielte in der Jugend von OM. Sein Berater, wie bei jungen Spielern üblich, war sein Vater Richard. In einer französischen Zeitung erschien ein Bericht über den Einfluss der organisierten Kriminalität auf den Verein. Dabei fiel auch der Name Richard Deruda. Dieser hatte den damaligen OM-Trainer Jean Fernandez anscheinend mit etwas Nachdruck durch seine Geschäftspartner darauf hingewiesen, dass sein Sohn nun endlich einen Profivertrag bekommen solle. Der Sohnemann wurde Profi, nur hatte er keinen Stammplatz, denn der Portugiese Delfim spielte auf seiner Position. Zu dieser Zeit wurden die Autos von mehreren OM-Spielern gestohlen, darunter auch der Wagen von Delfim.

 

Einige Tage später tauchte dessen Auto aber wieder auf, geparkt vor der Schule seiner Kinder. Der Portugiese brach kurz darauf seine Zelte in Frankreich ab, ließ sich zunächst in seine Heimat verleihen und wechselte 2006 in die Schweiz. Im gleichen Jahr verließ übrigens auch Trainer Jean Fernandez den Verein und wechselte nach Auxerre. Sein Nachfolger wurde der bisherige Co-Trainer Albert Emon, eine Spielerlegende in Marseille. Thomas Deruda war unter Emon dann oft im Kader, obwohl bezweifelt werden durfte, ob er die Qualität für die erste Liga hatte. Inzwischen spielt Deruda nach eine paar Umwegen wieder in Marseille, allerdings bei einem kleineren Verein. Diese Legende, die OM-Fans gerne Außenstehenden erzählen, steht exemplarisch für die Umstände, die sich der Verein in der Stadt ausgesetzt sieht. Wieviel Wahrheit hinter dieser Geschichte steckt, wissen wohl nur die Beteiligten. 

 

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Marseille ist in Frankreich für seine emotionalen Fans bekannt Bild: Yann Caradec |© flickr

Ungewisse Zukunft

Olympique Marseille steht zum Verkauf, die Zukunft scheint ungewiss. Die Saison 2015/16 ist ein einziges Debakel. Nach zwei Spieltagen schmiss der Argentinier Marcelo Bielsa das Traineramt hin. Es kam der Spanier Michel, der vorher Olympiakos Piräus trainierte. Doch er schaffte es nicht den Verein aufzurichten. OM kämpft gegen den Abstieg, trotz individueller Klasse von Spielern, wie dem Belgier Michy Batshuayi oder OM-Legende Steve Mandanda. Vor der Saison gingen Stars, wie die Ayew-Brüder, die Nationalspieler Gignac und Payet und Talente wie Thauvin ins Ausland. Das konnte der Club nicht auffangen, dazu kamen während der Saison die Trainerfrage und andere Vereinsprobleme. Der Käufer und neue Eigentümer bekommt einen Club, bei dem die Umstände nicht einfach sind, der aber viel Potential und Tradition hat. Olympique Marseille ist wie ein kleiner Spiegel der französischen Gesellschaft, teilweise schmutzig und zerbrochen, aber wenn man die richtige Stelle benutzt, ist etwas Schönes zu sehen.

 

 

In diesem Sinne: Allez l’OM!

 

Wikipedia-Eintrag zu Olympique Marseille:

https://de.wikipedia.org/wiki/Olympique_Marseille

 

Ein Bericht von Matthias Schecklmann


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