Borussia Dortmund (BVB) im Portrait

Wenn knapp 81.000 Kehlen „You’ll never walke alone“ und „Heia BVB“ grölen, die größte Stehplatztribüne Europas zu beben beginnt und im Anschluss die Stimme von Stadionsprecher Norbert „Nobby“ Dickel aus den Lautsprechern im Westfalenstadion dröhnt: „Und hier ist sie... die Mannschaftsaufstellung von Borussia Dortmund!“, dann ist alles angerichtet für einen weiteren Feiertag in Schwarz-Gelb.

Echte Liebe, nicht nur ein Motto beim BVB! | Bild: (c) Peter F. (flickr)
Echte Liebe, nicht nur ein Motto beim BVB! | Bild: (c) Peter F. (flickr)

 

Borussia Dortmund zählt zweifellos zu den erfolgreichsten und traditionsreichsten Klubs Deutschlands. Acht Deutsche Meisterschaften, drei DFB-Pokalsiege, der Triumph 1966 im Europapokal der Pokalsieger, 1997 der Gewinn der Champions League sowie des Weltpokals stehen den Dortmundern zu Buche. Die Menschen im und um das Ruhrgebiet identifizieren sich voll und ganz mit „ihrem“ BVB und so kommt es, dass der Klub mit 141.000 treuen Mitgliedern der fünftgrößte Sportverein der Welt ist.

 

Die Anhängerschaft der Borussen durchlebte bereits einige Höhen und Tiefen, unvergessen werden die prägende Klopp-Ära und der dramatische 3:2-Sieg in der Königsklasse gegen Malagá, aber auch die Fast-Insolvenz im Jahre 2005 bleiben. Vor rund einem Jahr startete der Verein mit Thomas Tuchel als Trainer in eine neue Ära.

 

Geschichte

Es war der 19. Dezember 1909, als sich über 40 Mitglieder der Jugendgruppe der katholischen Dreifaltigkeit im Nordosten Dortmunds im Restaurant „Zum Wildschütz“ zusammenfanden. Anlass für dieses Treffen war es, aus Liebe zum Fußballsport und aus Verärgerung über Kaplan Hubert Dewald, bei „Dreifaltig“ für die Jugendarbeit zuständig, den BVB zu gründen. Pater Dewald, ebenfalls in derselben Kirche tätig, versuchte persönlich die Vereinsgründung zu verhindern, jedoch wurde ihm spektakulär und handgreiflich der Zutritt in das Restaurant verwehrt. Konnte er die Gründung zwar nicht verhindern, schaffte er es mit diesem Auftritt doch, dass 20 „Rebellen“ absprangen - die übrigen 18 „echten Borussen“ setzten ihren Plan in die Tat um, der Klub wurde 1910 in den Westdeutschen Spielverband aufgenommen.

 

Den Namen „Borussia“ verdankt der Verein der Borussia-Brauerei in der Steiger-Straße. Das erste Spiel des BVB fand am 15. Jänner 1911 auf dem Sportplatz Weiße Wiese gegen den VfB Dortmund statt, der BVB gewann 5:3. Den Spielbetrieb nahm man zunächst mit Blau-weiß gestreiften Trikots und schwarzen Hosen auf, im Februar 1913 erhielt die Borussia die Genehmigung ein „zitronengelbes“ Trikot einführen zu dürfen. Seither sind die Vereinsfarben „schwarz-gelb“.

 

Aufstieg zur deutschen Spitzenmannschaft

Da sich der BVB während der Zeit des zweiten Weltkrieges in der britischen Besatzungszone befand und er Klub einen Großteil seiner Spieler und Funktionäre verlor, mussten die Westfalen erst eine Wiederzulassung erwirken, welche im Juli 1945 erteilt wurde. Einen Monat später rollte dann auch bei den Borussen wieder der Ball. Der BVB begann damals in der zweiten Staffel der neugegründeten Landesliga West.

 

In der zweiten Saison nach Kriegsende konnte man den größten Erfolg der bis dato beinahe 40-jähirgen Vereinsgeschichte einfahren: Im Endspiel um die Westfalenmeisterschaft im Herner Stadion bezwang man den FC Schalke 04 mit 3:2. Dieser Triumph ging als die „Wende im Westen“ in die westdeutsche Fußballgeschichte ein, da die fußballerische Vormachtstellung von Schalke 04 im Revier gebrochen wurde. In weiterer Folge gelang den Dortmundern 1949 der Einzug ins Endspiel um die deutsche Meisterschaft, welches jedoch mit 2:3 gegen den VfR Mannheim verloren ging, sowie der Gewinn der deutschen Meisterschaft in den Jahren 1956, 1957, 1963, 1995 und 1996. Des Weiteren triumphierten die Schwarz-Gelben 1965 und 1989 im DFB-Pokal, sowie 1966 im Europapokal der Pokalsieger.

 

"Ricken... Lupfen jetzt... Jaaaaa!"

Ricken, aktuell Nachwuchskoordinatior beim BVB | Bild: (c) VoxSports
Ricken, aktuell Nachwuchskoordinatior beim BVB | Bild: (c) VoxSports

Champions League-Finale im Olympiastadion in München. Wir schreiben den 28. Mai 1997, es sollte ein historischer Tag für den BVB werden. Borussia Dortmund und Juventus Turin kämpfen um den begehrten „Henkelpott“. Dank eines Doppelpacks von Karl-Heinz Riedle führt die Borussia zur Halbzeit bereits mit 2:0 – die 59.000 Fußballbegeisterten im Olympiastadion in Ekstase.

 

 

Juve-Legende Alessandro Del Piero bringt die „Alte Dame“, bei der auch Zinedine Zidane in der Startelf steht, zurück ins Spiel. Bange Minuten für die schwarz-gelbe Anhängerschaft. Doch dann kommt der Auftritt des eingewechselten Lars Ricken. Steilpass von Möller auf Ricken, der sprintet in Richtung Tor. „Ricken...Lupfen jetzt...Jaaaaa!“, brüllt Marcel Reif, der Kommentator des Endspiels, ins Mikrofon als der Borusse das Leder per Lupfer im Netz versenkt. Juventus ist geschlagen, keine Gegenwehr mehr der Italiener. Mit dem Schlusspfiff in München ist es besiegelt — Borussia Dortmund ist Champions League-Sieger!

 

In den Folgejahren bis 2004 kam es zu großen Investitionen in den Verein, den Gewinn der sechsten deutschen Meisterschaft 2002 und dem Einzug in das UEFA Cup-Finale im selben Jahr.

 

Fast-Insolvenz und der Anbruch einer „bekloppten“ Ära

2005 gelang es dem BVB eine drohende Insolvenz gerade noch abzuwenden. Unter dem Motto "Niebaum, Meier, Pleitegeier" hatten sich rund 1500 Anhänger im Februar 2005 mit einem Protestzug durch die Innenstadt ihren Unmut über die Misswirtschaft der damaligen Vereinsführung Luft gemacht. Der Düsseldorfer Flughafen war im März 2005 Schauplatz einer dramatischen Abstimmung der Anleger des Molsiris Stadionfonds über den Sanierungsplan und das Überleben des hochverschuldeten Klubs.

 

 

In weiterer Folge wurde der Fortbestand der Borussia gesichert, unter dem neuen Geschäftsführer Hans-Joachim „Aki“ Watzke wurden die Sanierungsmaßnahmen eingeleitet. Auch sportlich lief es während dieser Zeit für den BVB logischerweise nicht sonderlich gut und so heuerte man zu Beginn der Saison 2008/09 einen neuen Cheftrainer an. Man einigte sich schnell darauf, wer der neue Mann sein wird — Jürgen Klopp, damals Trainer des FSV Mainz 05. Die kommenden Jahre sollten die goldenen Ära des Vereins werden, worüber sich zum damaligen Zeitpunkt wohl nicht einmal der größte Optimist zu träumen wagte.

 

Bild: (c) asia joanna (flickr)
Bild: (c) asia joanna (flickr)

In seiner ersten Saison beim BVB unternahm Klopp eine konsequente Verjüngung der Mannschaft und beendete die Liga auf Rang 6. Am 32. Spieltag der Saison 2010/11 konnten die Dortmunder um Roman Weidenfeller, er war damals der einzige Stammspieler, der älter als Mitte 20 war, ihre 7. deutsche Meisterschaft bejubeln — nach dem Schlusspfiff stürmten die Fans das Feld, am Abend bebte der Borsigplatz.

 

Ein Jahr später das gleiche Spiel. Der Unterschied zum Vorjahr? 2012 eroberten die Westfalen auch noch den DFB-Pokal in Berlin.

 

Im Mai 2013 feierte dann der deutsche Fußball einen historischen Erfolg, als 2 Teams aus der Bundesliga den Champions League-Titel in London-Wembley unter sich ausmachten. Die Borussen unterlagen dem FC Bayern mit 1:2 — eine der bittersten Niederlagen in der Vereinshistorie.

 

Seit 2014 stand der BVB noch drei weitere Male im Endspiel um den DFB-Pokal, dabei setzte es drei Pleiten, zwei davon gegen die Bayern.

 

Und am Ende der dunklen Gasse erstrahlt die gelbe Wand

Seit geraumer Zeit zählt Borussia Dortmund zu jenen Vereinen, mit dem höchsten Zuschauerschnitt in Europa. Im deutschen Fußball stellte man in der Saison 2015/16 die bis dato unerreichte Rekordmarke von 1.380.023 Zusehern auf. Die treuen Fans der Dortmunder sind weltbekannt und versetzen die Zuschauer im Signal-Iduna Park, im Volksmund nach wie vor Westfalenstadion, regelmäßig mit faszinierenden Choreografien in Staunen. Der BVB ist eine Familie. Von klein auf pilgern die Menschen aus dem westfälischem Umland ins Stadion — ihrem Mekka. Die „Echte Liebe“ ist hier spürbar, die Anhänger identifizieren sich voll und ganz mit „ihrem“ BVB.

 

Die gelbe Wand - Bild (c) asia joanna (flickr)
Die gelbe Wand - Bild (c) asia joanna (flickr)

 

All’ die prägenden Ereignisse der Vergangenheit ließen die Menschen im Ruhrgebiet zusammenrücken. Die 55.000 Dauerkartenbesitzer, Bestmarke im eigenen Land, verdeutlichen, wie sehr die Fans zu ihrem Verein halten. Die legendäre Südtribüne steht hinter der Mannschaft. Egal ob es nach einer Niederlage „und wenn DU das Spiel verlierst, dann stehen wir hier und sing’ BORUSSIA!...“ oder nach einem Erfolg „und wenn du das Spiel gewinnst, dann stehen wir hier und sing’ BORUSSIA!...“ von den Rängen hallt, Emotion und Leidenschaft sind garantiert, vor allem aber natürlich im Revierderby gegen den großen Feind — den FC Schalke 04. Das Derby schlägt jährlich hohe Wellen und zählt zweifellos zu den bekanntesten und hitzigsten Duellen in der Fußballwelt. Für so manchen Fan mag ein Sieg in diesem Spiel gar eine komplett misslungene Saison vergessen machen. Das Gefühl, wenn es nach dem Spiel „Derbysieger, Derbysieger!“ durchs Stadion tönt, ist für die Fans beider Lager unbezahlbar.

 

 

Dortmund hat über 500 offizielle Fanklubs weltweit, worin mehr als 25.000 Fans organisiert sind. 2004 wurde die BVB-Fanabteilung ins Leben gerufen. Neben zahlreichen unpolitischen Fangruppen gab und gibt es auch beim BVB Zusammenschlüsse rechtsextremer Fans. Vor allem die gewaltbereite "Borussenfront" machte bundesweite Schlagzeilen nach brutalen Übergriffen auf Anhänger aus der Dortmunder Nordstadt sowie rechtsradikalen Schlachtrufen auf der Südtribüne. Fan-Freundschaften der BVB-Fans entstanden unter anderem in den 1970er-Jahren mit den Anhängern von Rot-Weiss Essen, Hauptgrund war und ist die gemeinsame Abneigung gegenüber den Reviernachbarn FC Schalke 04. Seit 1987 besteht auch ein befreundetes Verhältnis der Dortmunder Fangemeinde mit jener von Celtic Glasgow. Umbruch und die Rückkehr des „verlorenen Sohnes“

 

 

Die aktuelle Saison 2016/2017

Im diesjährigen Sommer ging Thomas Tuchel, der den zurückgetretenen Jürgen Klopp — mittlerweile beim FC Liverpool tätig, in seine zweite Saison als BVB-Trainer. Für den ehemaligen Mainz-Coach war es aber aufgrund des Umbruchs in der Mannschaft, der während des Sommer-Transferfensters standgefunden hat, wohl ein Wechselbad der Gefühle, musste er doch wieder eine nahezu komplett neue Mannschaft zusammenstellen.

 

Die Abgänge der Leistungsträger Mats Hummels (FC Bayern), Ilkay Gündogan (Manchester City) und Henrikh Mkhitaryan (Manchester United) schmerzten nicht nur dem Coach, vor allem der Abgang von Hummels sorgte für großen Unmut innerhalb der Anhängerschaft. Um die Verluste zu kompensieren verpflichtete man zahlreiche begehrte Top-Talente wie Ousmane Dembélé, Raphael Guerreiro und Mikel Merino. Zudem verpflichteten die Verantwortlichen den Lieblingsschüler Tuchels, André Schürrle. Wer die Transferentwicklungen in diesem Sommer beobachtet hat, weiß, dass das noch nicht alles war. Richtig, einer fehlt noch.

 

Die Rückkehr des „verlorenen Sohnes“, Mario Götze’s Comeback zum BVB. Nachdem der 24-jährige 2013 den Zorn der Anhänger mit seinem unglücklich kommunizierten Wechsel zum Ligakonkurrenten FC Bayern auf sich zog, wollte der Großteil der Dortmunder Fangemeinde nichts mehr vom deutschen Nationalspieler sehen und hören. Bei Gastspielen des FC Bayern in Dortmund bekam er bei jedem Ballkontakt, in Form eines gellenden Pfeifkonzerts, den geballten Hass der Zuschauer ab. Als dann vor etwa einem halben Jahr das Gerücht aufkam, Dortmund wolle Götze zurückholen, gab die organisierte Fanszene beim nächsten Heimspiel ein klares Statement ab: „Mailand oder Madrid, Hauptsache nicht Dortmund - Verpiss dich Götze!“ stand auf riesigen Spruchbändern auf der Südtribüne geschrieben. Die Vereinsführung führte daraufhin mit den Fan-Beauftragten konstruktive Gespräche und schließlich wurde Mario Götze zurück an die Strobelallee geholt. Mittlerweile hat sich der gebürtige Dortmunder wieder beim BVB eingelebt und die Formkurve zeigt nach oben, auch die Beziehung zu den Fans scheint sich zu bessern.

 

Die neu zusammengewürfelte Mannschaft der Dortmunder scheint gut in Tritt zu sein und Thomas Tuchel schaffte es, die Neuzugänge innerhalb kürzester Zeit nahezu reibungslos in die Mannschaft und das System zu integrieren. Aktuell liegen die Borussen in der Liga vorne mit dabei und gelten nach wie vor als einzig ernstzunehmender Bayern-Jäger. Eines war jedoch vor Saisonbeginn bereits klar: Borussia Dortmund will endlich wieder Titel gewinnen. Die Verantwortlichen sind bereit, der Borsigplatz ist bereit, die Fans sind es ohnehin und ob es die Mannschaft ebenfalls ist, werden wir in Bälde erfahren.

 Ein Bericht von Roman Wagner


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