Athletic Club Bilbao – Der Stolz der Basken

Die letzte Festung Europas

Wir sind in einer Zeit, in der Spieler für riesige Summen nach China wechseln, Vereine viel Geld für Teenager zahlen und die Identität des Sports irgendwo zwischen Sponsoren, Investoren und Marketing verloren ist. Viele Fans von europäischen Erstligisten vermissen schon jetzt das, was ihren Verein in der Vergangenheit ausgemacht hat: Die Identität! Manchmal lässt sie sich aber doch noch finden: Im „Mia san mia“, in der „Echte(n) Liebe“, im „You Will Never Walk Alone“ oder wenn der Schalker Höwedes seinen Vertrag mit den Worten „Denn Kohle geht, aber Kumpel bleiben“ verlängert. Doch diese fußballromantischen Momente außerhalb und auch auf dem Platz sind seltener geworden und wahrscheinlich ist das in einer Zeit des globalisierten Fußballs auch notwendig. Es bleibt schlicht kein Platz für Romantik.

 

Im Nordosten Spaniens dagegen hält sich die Fußballromantik seit nun schon 118 Jahren. Denn im Baskenland oder Euskadi wie es auf Baskisch heißt, lebt ein Verein für seine Region. Der Athletic Club Bilbao setzt in der Zeit des modernen Fußballs weiterhin auf seine regionale Transferpolitik. Es spielen nur Basken in ihren Reihen und das seit 104 Jahren. Dass der Verein seit 1928 ohne Unterbrechung in der ersten Liga Spaniens spielt, ist dadurch umso herausragender. In Bilbao scheint eine der letzten Festung der hochklassigen Fußballromantik in Europa zu stehen.

 

Athletic Club Bilbao
Bild: Alberto Varela | ©flickr

Geschichte

Die Entstehung des Vereins setzt sich aus zwei Bewegungen zusammen: Zum einen die britischen Hafenarbeiter, die den Fußball mit nach Spanien brachten und zum anderen baskische Studenten, die in England Universitäten besucht hatten und dann zurückkehrten. Die Briten gründeten den Bilbao FC und die Studenten den Athletic Club. 1902 schlossen sich beide Teams lose zusammen, um an der Copa del Rey teilzunehmen. Im Finale bezwang Bilbao den FC Barcelona und so wurde 1903 beschlossen die beiden Teams aus Bilbao zu fusionieren – der Athletic Club Bilbao entstand. Die Erfolge blieben nicht aus, denn 1903 verteidigte der Club seinen Titel in der Copa del Rey. Auch im nächsten Jahr gewann der Verein diesen Titel, aber nur weil der Finalgegner nicht antrat. Bis 1916 folgten vier weitere Pokalsiege und das obwohl 1912 die Vereinsphilosophie eingeführt wurde, dass nur noch Basken für den Verein spielen sollten. Der Star des Teams war Stürmer Rafael Moreno Aranzadi, genannt Pichichi. Er ist ein Nationalheld im Baskenland und eine Legende in Bilbao. 1913 schoss er das erste Tor im neu errichteten Estadio San Mamés. 1953 schuf die Zeitung ‚Marca‘ die Auszeichnung für den besten Torschützen der Liga – die Auszeichnung heißt bis heute ‚Trofeo Pichichi‘. Selbst die spanische Bezeichnung für das Wort Torschützenkönig ist an den baskischen Stürmer angelehnt: el pichichi. Mit großem Bedauern verstarb Pichichi bereits 1922 im Alter von 29 Jahren an Typhus. Er bestritt nur 5 Länderspiele für Spanien. Athletic Bilbao errichtete 1926 eine Büste von Pichichi im San Mamés. Mannschaften, die zum ersten Mal in Bilbao spielen, legen traditionell einen Blumenstrauß an der Büste nieder. 

 

 

1928 wurde die Primera Divisón ins Leben gerufen und Bilbao gehörte zu den Gründungsmitgliedern, zusammen mit drei weiteren baskischen Teams. Zeitweise spielten in den ersten Jahren der Zehnerliga fünf baskische Teams. In den ersten acht Jahren wurde Bilbao viermal Meister und viermal Pokalsieger. Den FC Barcelona schickte man sogar einmal mit 12:1 nach Hause. Vater dieses Erfolgs war der englische Trainer und Ex-Nationalspieler Fred Pentland. Nachdem Franco die Herrschaft in Spanien übernommen hatte, musste sich der Club 1941 in Atlético Bilbao umbenennen, weil der englische Begriff Athletic nicht mehr geduldet wurde. Im selben Jahr debütierte der erfolgreichste Stürmer der Vereinsgeschichte für die Basken: Telmo Zarraonaindía Montoya, genannt Zarra – 13 Jahre spielte er für Bilbao und erzielte in 353 Spielen unglaubliche 334 Tore. In der Saison 1950/51 erzielte er 38 Ligatore, eine Bestmarke, die erst 1989/90 vom Mexikaner Hugo Sánchez wieder erreicht werden sollte und erst 2010/11 von Cristiano Ronaldo (41 Tore) übertroffen wurde. Zarra spielte 20 Mal für die spanische Nationalmannschaft und erzielte dabei 20 Tore. Insgesamt wurde er sechs Mal Torschützenkönig der Primera Divisón.

 

Einer der wichtigsten Trainer von Bilbao zu dieser Zeit war der Slowake Ferdinand Daucik, der den Club zu zwei Pokalsiegen und einer Meisterschaft führte. Die 50er Jahre waren erfolgreich für den Verein, auch weil ihm die Regelungen unter der Militärdiktatur Francos zu Gute kamen. Denn Ausländer waren in der spanischen Liga strikt verboten. Bilbao hatte durch seine Vereinsphilosophie so einen jahrzehntelangen Vorteil gegenüber anderen Clubs. Einzig Real Madrid und der FC Barcelona umgingen das Verbot, indem sie einfach ihre Topspieler, wie Alfredo di Stefano oder Ferenc Puskas, einbürgerten. In den nächsten Jahren verschoben sich die Machtverhältnisse im spanischen Fußball immer mehr auf die Seite von Real und Barca. Bilbao rutschte ab ins graue Mittelmaß. Nach dem Tod von Diktator Franco 1975 kam es zu einer bedeutenden Szene, die den Nationalstolz der Basken wiederspiegelte. Beim Derby gegen Real Sociedad stellten die beiden Kapitäne im Mittelkreis zusammen die baskische Nationalflagge auf. Diese war unter Franco verboten, weil sie die Unabhängigkeit des Baskenlandes repräsentiert.

 

1977 konnte Bilbao zum ersten Mal auch international auf sich aufmerksam machen, als das Team das Finale des UEFA-Cups erreichte. Das verlor der Club allerdings aufgrund der Auswärtstorregel, damals gab es im Finale noch Hin-und Rückspiel, gegen Juventus Turin. Auch national ging es wieder aufwärts. Unter Trainer Javier Clemente konnte Bilbao bis 1984 zwei Meisterschaften und einen Pokalsieg feiern. Danach folgte der Abgang des Trainers und vieler Leistungsträger. Erst 1998 konnten die Basken wieder oben anklopfen, sie wurden Vize-Meister und zogen in die Champions League ein. Danach folgten wieder Jahre des Leerlaufs, bis man 2009/10 als Pokalfinalist in die UEFA Europa League einzog. Erst 2011/12 erreichte Bilbao wieder ein internationales Endspiel. Im Europa League Finale unterlag das Team von Trainer Marcelo Bielsa allerdings Ligarivale Atlético Madrid mit 0:3. Es folgte der zweite Einzug der Vereinsgeschichte in die Champions League 2014. Im Jahr 2013 wurde auch das neue Estadio San Mamés eröffnet, errichtet auf den Grund des alten Stadions. 

 

Athletic Club Bilbao
Bild: Fernando Jiménez | © flickr

Transferpolitik

Seit 1912 spielen nur Basken für Athletic, es sollte ein Zeichen gesetzt werden. Die Unabhängigkeitsbestrebungen im Baskenland sind schon immer sehr groß, so auch zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Da entschloss sich der Vorstand des noch relativ jungen Vereins Athletic diese politischen Ziele mit einer Vereinsphilosophie auch auf die sportliche Ebene zu übertragen. Seitdem ist nicht ein einziger Spieler für Bilbao aufgelaufen, der nicht mit dem Baskenland verwurzelt ist. 

 

In der Welt des modernen Fußballs ist eine solche Vereinspolitik nur schwer umsetzbar, denn andere Vereine nutzen diese Einschränkungen, die sich Bilbao selbst setzt, aus. 1996 debütierte mit Bixente Lizarazu der erste baskische Franzose für Bilbao. Nach ihm gab es nur noch wenige Spieler, deren Wurzeln nicht vollständig in Spanien lagen. Aymeric Laporte, der französische Innenverteidiger, ist wohl der Bekannteste. Auch deshalb und weil der sportliche Erfolg aufgrund der Philosophie immer schwerer zu erreichen schien, hat der Vorstand die Regelungen zur Saison 1998/99 etwas aufgelockert. Nun war es auch erlaubt, Spieler zu verpflichten, die im Baskenland ausgebildet wurden. Sie müssen keinen baskischen Stammbaum mehr nachweisen. Doch die Fans und auch die Verantwortlichen sträuben sich noch immer ein wenig, diese Lücke auch zu nutzen. Zu sehr scheint man an der Tradition festhalten zu wollen. Bekanntere Spieler, bei denen diese Lockerung genutzt wurde, ist Patxi Ferreira, der eigentlich aus Salamanca in Westspanien kommt, aber in der Jugend von Bilbao das Fußballspielen begann. Fernando Amorebieta, der in Venezuela geboren ist, aber bei Bilbao seine Karriere begann, ist eine weitere Ausnahme. 

 

 

Eine dieser Ausnahmen hätte auch Antoine Griezmann dargestellt, als dieser 2013/14 für den Rivalen Real Sociedad in der Liga für Furore sorgte. Athletic wurde reges Interesse am Franzosen nachgesagt, doch Griezmann ist nicht im Baskenland geboren, sondern in Ostfrankreich. Zudem käme er von San Sebastián, was vor allem bei den Ultras nicht gut angekommen wäre. Dank der Lockerung der Philosophie 1998 wäre es dennoch möglich gewesen ihn zu holen, denn er kam 2005 in die Jugendabteilung des baskischen Rivalen. 

 

Außerdem identifiziert sich Griezmann selbst sehr mit dem Baskenland, hat sich sogar die Nationalflagge Ikurriña tätowieren lassen. Doch der Fall erledigte sich von selbst, Real Sociedad verlangte einen astronomischen Betrag von Bilbao. Dass Griezmann auf dem Markt war, konnten sie nicht leugnen. Am Ende wechselte er für 30 Millionen Euro zu Atlético Madrid und wurde zu einem der besten Spieler der Liga.

 

Athletic Club Bilbao
Bild: birasuegi | © flickr

Nachwuchsarbeit

Wenn ein Verein eine Politik verfolgt wie Bilbao, dann ist die Jugendarbeit das Hauptgeschäft des Vereins. Den Scouts von Bilbao entgeht kein einziges Talent, das im Baskenland seinen Fuß auf einen Platz setzt. Bilbao verpflichtet viele junge Spieler und schickt sie in ihre ‚cantera‘, ihre Nachwuchsabteilung. Diese wird in Bilbao ‚Lezama‘ genannt, weil sie in einem kleinen Ort mit diesem Namen, rund zehn Kilometer östlich der Stadt, stehen. Wer es aus Lezama heraus schafft, wird wahrscheinlich zunächst bei CD Baskonia unterkommen. Das ist ein Verein aus der baskischen Kleinstadt Basauri, der in der Saison 2015/16 viertklassig spielt. Ursprünglich war es ein eigenständiger Verein, bevor 1997 eine Kooperation mit Athletic eingegangen wurde. Laut dieser Vereinbarung schickt Bilbao Spieler aus Lezama im Alter zwischen 18 und 21 zu CD Baskonia, die dort bleiben bis sie bereit sind für Athletic B aufzulaufen. Das ist die Reservemannschaft von Bilbao, die in der Saison 2015/16 in der 2. Liga spielt. Die Mannschaft ist als eine U23 anzusehen und soll die Spieler auf einem guten Niveau auf die Primera Divisón vorbereiten. Doch nicht alle Spieler müssen diesen Marathon durch die Reserveteams von Bilbao machen. Iker Muniain, eines der größten baskischen Talente zum Beispiel, spielte bereits mit 16 Jahren für die Kampfmannschaft und wurde sogar zum jüngsten Torschützen der Vereinsgeschichte. Eine Besonderheit stellen die französischen Basken dar. Natürlich scoutet Bilbao auch in Frankreich nach talentierten Basken, doch die sind selten. Ein guter Anlaufpunkt ist daher der größte Verein im französischen Baskenland: der Aviron Bayonnais FC – aus dessen Jugendabteilung Spieler wie Didier Deschamps, nach dem auch das dortige Stadion benannt ist, Stéphane Ruffier und Aymeric Laporte stammen. Über eine direkte Kooperation der beiden Vereine ist nichts bekannt, aber gute Kontakte müssen bestehen, darauf ist vor allem Bilbao angewiesen.

 

Zukunft

Stand 2015/16 ist Bilbao ein Verein, der auf der internationalen Bühne unterwegs ist. Champions League und Europa League heißen die Ziele des Vereins. Doch langfristig kann der Verein mit seinem Konzept nicht planen. Die Abgänge von Leistungsträgern, wie Javi Martinez, Fernando Llorente oder in naher Zukunft vielleicht Aymeric Laporte und Inaki Williams lassen sich nicht kurzfristig abfangen. Bilbao wird immer wieder in ein Loch fallen, weil es am passenden Spielermaterial fehlt. Doch das war auch schon in der Vergangenheit so, abgestiegen ist der Verein dennoch nicht. Um die radikalen Ultras von Herri Batasuna, der radikalen Partei, die für die Autonomie des Baskenlandes eintritt, ist es ruhig geworden. Auch Verbindungen zur terroristischen Untergrundorganisation Euskadi ta Askatasuna (ETA), die dem Verein in der Vergangenheit nachgesagt wurden, werden nach der formellen Auflösung der ETA, nicht mehr geäußert. 

 

Athletic Club Bilbao
Bild: BrainMay | © flickr

 

Den Preis für sein konservatives Konzept zahlt der Verein vor allem auf sportlicher Ebene. Der Vorstand um Präsident Jose Urrutia Telleria blockt Nachfragen zu einer weiteren Auflockerung der Philosophie konsequent ab. Für Basken ist Athletic weit mehr als ein Verein, Identität und Nationalstolz, nicht immer ohne Probleme, aber immer mit vollem Herzen. Nicht umsonst sagte Athletic-Legende Julen Guerrero, der den Verein trotz lukrativer Angebote nie verlassen hat: 

 

‚Ein Titel mit Bilbao ist genauso viel wert, wie zehn Titel mit Real Madrid.‘

 

 Ein Bericht von Matthias Schecklmann


Relevante Artikel:

Bild: Fred (flickr)
Bild: Fred (flickr)

Olympique Marseille - Spiegel der Gesellschaft

Bild: Peter F (flickr)
Bild: Peter F (flickr)

Borussia Dortmund - Echte Liebe.

Bild: jo.sau (flickr)
Bild: jo.sau (flickr)

FA-Cup - der älteste Pokal der Welt