China - Im Reich der Finanzmitte

In den vergangenen Jahren explodierten die Summen im Fußballgeschäft immer mehr und die Preise die für Spieler  bezahlt werden, hinterlassen so manches Kopfschütteln im europäischen Raum. In Asien erwachte ein wahrer Finanzriese der selbst die europäischen Spitzenligen aus dem Fokus verdrängt.

Transferwahnsinn

Zweimal im Jahr fiebert jeder Fußballfan dem Transferfenster entgegen, hofft auf tolle Neuzugänge und befürchtet dass sein Verein wichtige Stützen abgeben muss. Nun lockt auch noch China die Top-Spieler.

 

"Was will der Spieler bitte schön in China? Wer geht dort freiwillig hin?", so der allgemeine Tenor der europäischen Fan-Base. Doch wenn man sich die Ablösesummen und vor allem die Gagen der Ballsportprofis genauer anschaut muss man wohl nicht mehr über das Warum grübeln.

 

Im Winter der Saison 2015/16 hat die chinesische Super League mehr ausgegeben als die englische Premier League, die zweithöchste Spielklasse Chinas mehr als die deutsche Bundesliga. Graziano Pelle verdient plötzlich ähnlich wie ein Lionel Messi oder Cristiano Ronaldo. Wie kann es sein, dass in China plötzlich so viel bezahlt wird?

 

Zur Veranschaulichung der letzten Jahre: in der Saison 2009/10 war der chinesische Spieler Lin Gao mit etwa 900.000€ der teuerste Transfer der Liga. In den Jahren darauf begann in Chinas höchster Spielklasse der Versuch das Image mit südamerikanischen Fußballtalenten aufzupolieren. In den nächsten Jahren hatten immer südamerikanische Spieler die Nase vorne, wenn es um die teuersten Transfers ging.

10/11 Cleo - 4 Millionen Euro

11/12 Dario Conca - 8,2 Millionen Euro

12/13 Lucas Barrios - 7,5 Millionen Euro

 

Erst danach begann man im größeren Stil nach Europa zu blicken. Zwar blieb das Hauptaugenmerk bis heute auf südamerikanische Spieler gerichtet, doch wurden diese immer öfter von europäischen Spitzenteams abgeworben. Auch die Transferausgaben schossen mit der Zeit durch die Decke.

 

13/14 Alessandro Diamanti -  7,5 Millionen Euro

14/15 Ricardo Goulart - 15 Millionen Euro

15/16 Alex Teixera - 50 Millionen Euro
16/17 Oscar - 60 Millionen Euro

 

Lange wurden Spieler aus Europa, die in die Chinese Super Leauge wechseln, als alternde Stars abgestempelt, die noch ein paar Millionen verdienen möchten. Doch diese Zeit ist nach Transfers von Spielern wie Alex Teixeira, Hulk, Jackson Martinez, Ramires, Gervinho und Guarin wohl endgültig vorbei. Längst ist die chinesische Liga auf dem Vormarsch und sticht hier erstmals auch die englische Premier League aus. Fußballer die den warmen Geldregen ablehnen und lieber in Europa bleiben, wie etwa Gonzalo Higuain, der in China 50 Millionen verdient hätte, machen Hoffnung. Noch liegt das Interesse der Chinesen eher an internationalen Ligen wie zum Beispiel der Premier League. Das möchte man mit den Unsummen, die man am internationalen Markt ausgibt, nun ändern. Es soll eine nationale Basis an Fußballbegeisterung geschaffen werden.

 

Hintergründe

Die Transferoffensive ist nur die Spitze des Eisbergs um den Fußball im Reich der Mitte schnell interessanter zu machen. Das eigentliche Ziel ist es, China selbst zur Großmacht zu formen und nicht nur die Liga international ansehnlich zu machen. Man erhofft sich aber von der qualitativ besseren Liga das allgemeine Interesse zu erhöhen und die eigenen Spieler zu verbessern, wofür weder Kosten noch Mühen gescheut werden. 

 

Den Anfang nahm alles mit dem chinesischen Machtinhaber Xi Jinping , der es sich zum persönlichen Ziel setzte, den chinesischen Fußball zur Weltspitze zu führen. Das ausgegebene Ziel ist der Gewinn der Weltmeisterschaft in Katar 2022. Und dafür lässt der Fußballfan nichts unversucht.

 

Xi Jinping übernahm 2012 das Amt des Generalsekretärs der kommunistischen Partei Chinas und gilt seitdem aufgrund seiner Machtfülle de facto als Paramount Leader der Volksrepublik China.  Er ist als großer Fußballfan bekannt.

 

Damit China sportlich zur Elite gehöre, müsse auch im Fußball zu den großen Nationen aufgeschlossen werden. Das bevölkerungsreichste Land der Erde müsse einfach in die Weltspitze vordringen, so meint das Oberhaupt des chinesischen Volkes.

 

 

Er lässt nichts unversucht um sein tollkühnes Vorhaben in die Tat umzusetzen und holt sich dafür auch die chinesische Wirtschaft mit ins Boot.

 

Am Ende der Saison 2015 wurden die Fernsehrechte der "Chinese Super League" für fünf Jahre (2016–2020) an das chinesische Unternehmen "Ti'ao Dongli" verkauft. Für den Zuschlag musste die Firma aus Peking laut Medienberichten 8 Milliarden Yuan (ca. 1.12 Milliarden €) überweisen. Dieses Geld wird in  wahnwitzige Transfers gesteckt.

 

Das Ligasystem

Die Chinese Super League in ihrer heutige Form gibt es erst seit 2004. Im Jahr zuvor musste man deren 1994 gegründeten Vorgänger die Chinese Jia-A League aufgrund schwerwiegender und andauernder Korruptionsskandalen auflösen. Recherchen des chinesischen Fernsehens hatten ergeben, dass im Jahr 2003 mehr als die Hälfte aller Spiele manipuliert wurden. Dies führte zu Sponsoring-Verlusten in der Höhe von 21 Millionen US Dollar und ruinierte das komplette Ligasystem.

 

Auch die heutige Chinese Super League hatte anfangs mit ähnlichen Problemen zu kämpfen, die erneuten Skandale führten 2006 beinahe zu einer weiteren Auflösung der Liga. Gespielt wird mit 16 Teams wobei es bis 2007 dauerte die Liga voll zubekommen, da sich immer wieder Vereine auflösten. In China wird im Kalenderjahr gespielt. Die Saison beginnt zwischen Februar und März und endet zwischen Oktober und November.

 

Nationalmannschaft

Wenn man einen Blick auf die Nationalmannschaft wirft, wird einem klar, warum Jinping mit der derzeitigen Situation unzufrieden ist. Die stolze Sportnation China ist nur 78. in der Weltrangliste und somit im sportlichen Niemandsland. Man konnte nie den Asia Cup gewinnen. Der beste Platz war ein zweiter Rang, wobei auch dies bereits im Jahr 2004 war, seitdem spielte man in der Entscheidung um die Asienmeisterschaft nie mehr eine Rolle.

 

Auch schaffte man es lediglich ein einziges Mal sich für eine Weltmeisterschaft zu qualifizieren. Dies gelang im Jahr 2002 in Südkorea/Japan unter dem serbischen Trainer Bora Milutinovic, dem das Kunststück gelang sich fünf Mal in Folge für die Weltmeisterschaft zu qualifizieren und zwar immer mit einer anderen Nationalmannschaft (Mexiko, Costa Rica, USA, Nigeria, China). Doch auch hier endete das Abenteuer nach der Vorrunde.

 

Im aktuellen Kader gibt es gerade mal einen Spieler der im Ausland spielt und zwar Zhang Yuning der bei Vitesse Arnheim tätig ist, was verdeutlicht wie wichtig eine Steigerung der eigenen Liga tatsächlich ist. Doch das Hauptaugenmerk liegt im Jugendbereich zum Aufbau einer schlagkräftigen Truppe bis 2022.

 

Jugendarbeit

20.000 Grund- und Mittelschulen sollen bis zum Jahr 2017 Fußballschwerpunktschulen werden. 100.000 neue Fußballspieler sollen bis dahin herangezogen werden. 

 

Der Staatsrat, Chinas Regierung, hat einen 50 Punkte langen Aktionsplan verabschiedet. 6000 Trainer werden noch in diesem Jahr ausgebildet. In Eliteschulen wird man bevorzugt werden wenn man Leistungsfußballer ist, um das allgemeine Interesse am Fußball zu schüren. Alles in allen wir mit ganzer Macht versucht das Land in eine Bahn zu lenken, um Fußball einen immer höheren Stellenwert zu verschaffen.

 

Die Fußballschule von Guangzhou Evergrande ist das weltweit größte Internat für unseren geliebten Sport. Sie kostete 185 Millionen Dollar und wurde in gerade mal zehn Monaten aus dem Boden gestampft. Das Internat bietet Platz für 2600 Jungen sowie 200 Mädchen, denen 50 Fußball-, Tennis- und Volleyballplätze zur Verfügung stehen. Ja sogar ein eigenes Kino haben sie in der Akademie. Manche der Kinder haben ihre Familien seit Jahren nicht mehr gesehen. Kostenpunkt für die Familien sind 9200 US Dollar pro Jahr, was ungefähr einem durchschnittlichen Jahresgehalt in China entspricht.

 

Dank einer Vereinbarung mit Real Madrid konnten zwanzig spanische Trainer in die Akademie geholt werden. Neben dem sportlichen Training wird hier auch viel Taktik und Spielanalyse in den Klassen unterrichtet Auch bekommen die Kinder hier nur speziell auf Sportler abgestimmtes Essen in der Kantine. Softdrinks und Süßigkeiten sind absolut verboten.

 

Um ihr Ziel nie aus den Augen zu verlieren gibt es, in der im Jahre 2012 errichteten Akademie, ein über 13 Meter hohes Replikat des Weltmeister Pokals.

 

Erkenntnisse aus anderen Sportarten

Eines muss man den Chinesen lassen: sie haben keine Angst vor Superlativen, wenn sie etwas machen dann richtig! Doch wie weit der Plan aufgeht, in die Weltspitze des Fußballs vorzudringen, bleibt abzuwarten. Denn auch wenn das bevölkerungsreichste Lande der Erde in vielen (olympischen) Sportarten zu den besten der Welt zählt, sind ihre Methoden dorthin zu gelangen stets mit Vorsicht zu genießen. Zu viel System und Gleichgültigkeit gegenüber der Menschen und ihrer Bedürfnissen wurde bereits beobachtet. Der Weg der Athleten beginnt in China bereits zwischen fünf und sechs Jahren. Es geht über Sportförderschulen zu reinen Sportschulen und Sportakademien.

 

Das Problem dabei ist, dass je besser die Leistung des Kindes und je gezielter der Unterricht in der jeweiligen Schule ist, desto weniger Wert wird auf die Allgemeinbildung gelegt. Der Großteil der Schüler wird es nie zum Profisportler schaffen und steht dann in der realen Arbeitswelt mit einer minderwertigen Ausbildung großen Problemen gegenüber. Auch wird wohl nicht immer auf die Wünsche der Kinder eingegangen, was sie eigentlich trainieren wollen, zum Beispiel wurden in Grundschulen Kinder mit großen Handflächen mehr oder weniger dazu gezwungen eine Karriere als Leistungsschwimmer zu beginnen, da sie aufgrund ihrer körperlichen Merkmale eine bessere Wasserverdrängung haben. Generell werden Sportler oft aufgrund ihrer Physis und nicht aufgrund ihrer eigenen Interessen ausgesucht.

 

Persönliches Fazit

Rechtfertigt der Traum eines Mannes irgendwann mal sein Land bei einer Weltmeisterschaft jubeln zu sehen solche riesigen Investitionen? Die essentielle Frage ist doch inwieweit eine Aufblähung der heimischen Liga mit internationalen Stars tatsächlich die eigene Fußballnation vorantreibt. Es wird trotzdem Jahre dauern bis das chinesische Nationalteam von all den Mühen profitiert. Und wird der staatliche Fan und Geldgeber bei zu lange ausbleibenden Ergebnissen möglicherweise die Lust verlieren?

 

Bis wann die chinesische Liga den europäischen Vorbilden ebenbürtig ist, hängt wohl viel von den Taktiken und der Langlebigkeit des äußerst kostenintensiven Projekts ab, und wie schnell all die Maßnahmen der Nationalmannschaft helfen werden kann nur geraten werden. Nach holländischem oder belgischen Vorbild mit einer einheitlichen Systemausbildung in Akademien und Fußballschulen und dem chinesischen Größenwahnsinn ist eine nationale Leistungssteigerung bis 2022 durchaus möglich, allerdings keine Erfolgsgarantie.

 

Vor allem ist die Frage ob bei solch einem ehrgeizigen Projekt das Interesse solange bestehen bleibt, bis tatsächliche Erfolge sichtbar werden. Gerade wenn ein großer Mann hinter einem Projekt steht hat uns die Fußballgeschichte oft genug gezeigt, wie gefährlich es sein kann wenn plötzlich das Interesse schwindet, dies kann wohl bei Vereinen wie auch ganzen Nationen mehr Schaden als Nutzen anrichten.

 

Ein Bericht von Christian Scheucher


Relevante Artikel:

Bild: (c) Matthew Wilkinson
Bild: (c) Matthew Wilkinson

Manchester United unter Malcolm Glazer

Bild: (c) fussballwelt.at
Bild: (c) fussballwelt.at

Chelsea FC unter Abramowitsch

Bild: (c) Jon Candy
Bild: (c) Jon Candy

Cardiff City unter Vincent Tan